30 Jahre „art maritim“

Eine Hamburger Erfolgsgeschichte

von Olaf Rahardt (www.marinemaler-olaf-rahardt.de)

Wer erstmals von der Bootsmesse in Hamburg erfährt, der wird nicht in erster Linie daran denken hier hochwertige Kunst zu erleben, sondern es werden vermutlich nagelneue, lack- , chrom- und messingglänzende Segel- und Motorboote erwartet, sowie all das was im weitesten Sinne an Ausrüstung und Zubehör dazu gehört. Das gibt es natürlich auch wirklich dort und obendrein noch viele andere Dinge rund um das Thema Freizeitgestaltung und Urlaub auf dem Wasser, Wassersport, Angeln und vieles andere mehr. Trotz alledem wird dem Besucher seit vielen Jahren auf der hanseboot auch ein ganz besonderer Kunstgenuss geboten: Die „art maritim“!

Die Geschichte dieser einzigartigen Kunstausstellung geht zurück in das Jahr 1985. Mit der Absicht das allgemeine Angebot einer Bootsmesse durch die Präsentation von maritimer Kunst, verbunden mit der Vermittlung von Historie zu bereichern, brachten die damals Verantwortlichen ein völlig neues Konzept auf den Weg. Der Messebesucher wurde fortan dazu eingeladen neben den kommerziellen Absichten des Messegeschehens in einem gesonderten Ausstellungsbereich die Geschichte der Schifffahrt anhand von Schiffsmodellen und Gemälden zu erfahren, dabei zu entspannen und den Messebesuch mit völlig anderen Eindrücken zu kombinieren. Der Kern der ausgestellten Exponate stammte aus der privaten Sammlung des Peter Tamm aus Hamburg, ergänzt durch Zugaben namhafter Hamburger Reedereien. Heute hat der Name Peter Tamm bei Schifffahrtsinteressierten einen ganz besonderen Klang und das Internationale Maritime Museum in Hamburg wurde 2008 aus dieser weltweit größten Privatsammlung gegründet. Doch 1985 war von alledem längst noch nichts zu ahnen und es war eine herausragende Attraktion wertvolle Exponate einer Privatsammlung öffentlich besichtigen zu dürfen. Ein zusätzlicher Aspekt der „art maritim“ und zuverlässiger Beleg dafür, dass Marinemalerei ein aktiver Bestandteil der darstellenden Kunst ist, war die Einbeziehung aktiver deutscher Marinemaler und maritimer Galerien in den Ausstellungsbereich.

Die Idee die diesem Ausstellungskonzept zugrunde lag war perfekt. Dem Besucher wurde ein zweiter Anreiz geboten die hanseboot zu besuchen. Der Eintritt war ohnehin mit der Messekarte entrichtet und so konnte man mit der „art maritim“ innerhalb der Bootsmesse auch Publikum animieren maritime Kunst und Geschichte zu besichtigen, die sonst wohl eher einen Bogen um eine Galerie oder ein Museum machen würden. Der gleiche Effekt kam natürlich auch umgekehrt zur Geltung, denn im Laufe der Jahre wurde die „art maritim“ zu einem so erfolgreichen Ausstellungsbereich, dass Interessierte nur eigens dafür die hanseboot besuchten. Durch die örtliche Positionierung im Eingang-Süd war das auch Jahre über einfach zu bewerkstelligen. Nachdem die „art maritim“ anfänglich die Halle 11 nutzte, hatte sie ab 1996 im neu erbauten Eingangsbereich Foyer-Süd, auf zwei Etagen ihr Domizil gefunden. Erst als auch hier die Platzverhältnisse nicht mehr ausreichten erfolgten ab 2005 andere Ausstellungsorte innerhalb der nördlichen Messehallen.

Seit dem Jahr 1986 gab es zu jeder Ausstellung einen Begleitkatalog. Der Erste war gebunden in Heftform, hatte 60 Seiten und ein Format von 28 x 31 cm. Er stellte ausgesuchte Exponate vor, nannte Leihgeber und ausgestellte Künstler und Galerien. Hans-Rudolf Rösing verfasste einführende Texte und charakterisierte die „art maritim“ mit Worten die auch für die kommenden zehn Jahre ihre Gültigkeit behielten : „Die ... 'art maritim' gibt in ihrer Gesamtheit Aufschluß über einen wichtigen Ausschnitt der Kultur- und Handelsgeschichte der seefahrenden Nationen. Mögen sie neben dem ästhetischen Genuß auch etwas von der Erkenntnis vermitteln, wie sehr wir alle von der See abhängig sind.“

Schon mit der Ausstellung 1987 gab es grundlegende Neuerungen. Zu dem ohnehin schon erfolgversprechenden Konzept kam nun noch der Gedanke hinzu, den Blick über den Horizont hinaus zu ermöglichen und maritime Historie und Gegenwart eines bestimmten Landes vorzustellen. Standen anfangs noch die heimischen Küsten und Schifffahrt im Mittelpunkt, wurden 1987 erstmals Kostbarkeiten aus französischen Schifffahrtsmuseen innerhalb der „art maritim“ gezeigt. Diese wurden weiterhin ergänzt durch themenbezogene Stücke aus der Sammlung Peter Tamm. Bis 2006 wurden so Schifffahrtsnationen aus aller Welt bei der „art maritim“ vorgestellt, so dass der Interessierte beispielsweise nicht mehr nach Osaka, Buenos Aires oder Annapolis musste um Originale aus dortigen Sammlungen zu besichtigen. 

1987 gab es auch erstmals den neuen Begleitkatalog im Format 22 x 22 cm. Er beinhaltete auf 104 Seiten Abbildungen der meisten Exponate die während der Ausstellung zu sehen waren, gab Informationen zur Schifffahrtsgeschichte des Gastlandes und der Leihgeber. Die Vorstellung der beteiligten, aktiven Marinemaler und Galeristen der „art maritim“ war dabei noch einem beliegenden Faltblatt zu entnehmen. Das war dann mit dem „art maritim“-Katalog von 1988 ein fester Bestandteil geworden und machte in seiner inhaltlichen Gesamtheit diese Bücher zu begehrten Sammelobjekten. Die Ausstellungen der Jahre 1988 („Die Ostseeschiffahrt in der Kunst“) , 2004 („Schiffahrt und Kunst aus Deutschland“) und 2005 („Welt unter Segeln“) wichen von dem Konzept eines Gastlandes ab. 

Wichtigste Organisatoren bei der Vorbereitung und Ausstellungszusammensetzung war das Wissenschaftliche Institut für Schiffahrts- und Marinegeschichte des Peter Tamm in Hamburg. Hier lag auch die federführende Verantwortung für die jährlichen Ausstellungsbegleitbücher. Sehr begehrt waren auch die Einladungen zu den Eröffnungsveranstaltungen jeder „art maritim“. Denn sie brachten namhafte Fachleute, Historiker, Künstler und Kunstinteressierte aus dem In- und Ausland zusammen und ermöglichte so direkte persönliche Kontakte. 

2006 gab es die letzte „art maritim“ in dieser bewährten Konstellation von ausländischen Exponaten eines Gastlandes, Stücke aus der Sammlung Peter Tamm und gegenwärtig aktive Künstler, Galeristen und Antiquariate. Mit dem Aufbau des Internationalen Maritimen Museums und dem Umzug der Sammlung in Hamburgs Speicherstadt, fehlten die Möglichkeiten beides, Umzug und „art maritim“, zu realisieren und die Folge war das Ausscheiden der Sammlung Peter Tamm aus dieser langjährigen Partnerschaft. Dazu kamen Umstrukturierungen innerhalb der Hanseboot die eine Fortführung des bisherigen Ausstellungskonzeptes der „art maritim“ nicht mehr ermöglichten. 

Die „art maritim“ hatte mittlerweile einen hervorragenden Ruf erlangt und war weithin bekannt für das hohe Niveau ihrer Präsentationen. Das bezog sich nicht nur auf den musealen Teil sondern auch auf die dort ausstellenden Künstler der Gegenwart. Anfangs war die Einladung dort auszustellen noch eine große Ehre und Bewerbungen dort ausstellen zu dürfen wurden einer eingehenden Prüfung unterzogen. Infolge dessen fanden sich auch viele Namen bekannter Marinemaler in den Ausstellerlisten. Deren Schwerpunkt lag naturgemäß im heimischen Revier aber ebenso finden sich Namen aus umgebenden Nachbarländern Skandinaviens, Frankreich, Niederlande, Polen und Russland. Sogar Tom Freeman aus den USA war 1993 dabei. Dem Besucher bot sich dabei eine seltene Gelegenheit verschiedene Künstler zeitgleich an einem Ort zu haben und je nach individuellem Gefallen Ausgestelltes zu erwerben oder Aufträge nach eigenen Vorstellungen zu vergeben. Den hohen Stellenwert den die „art maritim“ auch unter den beteiligten Künstlern hatte zeigt der Sachverhalt, dass einzelne Marinemaler wie Henry Albrecht aus Neuwied oder Uwe Lütgen aus Hamburg-Altona bereits seit 1986 und '88 regelmäßige Teilnehmer waren und auch heute noch ihre Werke klassischer Marinemalerei dort präsentieren.

Ab 2007 wurde die „art maritim“ dann in alleiniger Verantwortung der Hamburger Messe organisiert. Das Prinzip dem Besucher innerhalb der Messe Entspannung und Abwechslung durch Kunstgenuss zu ermöglichen wurde weiterhin verfolgt. Auf einen Katalog zur „art maritim“ mussten Besucher und Sammler aber von nun an verzichten. Die Zahl der ausstellenden Künstler und Galerien nahm zu und die thematische Vielfalt ebenfalls. In den Jahren 2008 und 2009 lief der Ausstellungsbereich unter der allgemeinen Bezeichnung „Maritime Kunst“, bevor man 2010 wieder den traditionellen Namen „art maritim“ führen durfte. Die „art maritim“ hat sich mittlerweile umgestaltet und wiederspiegelt so einen zeitgemäßen Anspruch der modernen Kunst mit Brückenschlag zur traditionellen Marinemalerei. Sie empfängt jährlich in der letzten Oktoberwoche ihre Besucher.

Auch 2016 wird im Obergeschoß der Halle B2 wieder eine bunte Mischung an klassischer Marinemalerei, maritimer Kunst, Foto und Objektkunst, sowie antiquariatische Kostbarkeiten zu sehen sein. Im Namen aller Mitwirkenden lade ich Sie recht herzlich dazu ein...